Ein Gespräch mit der Fotografin Ilse Mayer

Für das ehemalige Online Magazin nodalpunkt unternahm die Schriftstellerin Peggy Mädler eine Gesprächsreise zu Schweizer Fotografen. Das letzte Gespräch der Reihe führte Sie mit Ilse Mayer durch.

Welches Foto, auf dem Du selbst zu sehen bist, fällt Dir spontan ein?

Da gibt es die ganz frühen Fotos, die der Fred (Mayer) von mir gemacht hat, als wir uns das erste Mal auf einem Pferdespringen an Pfingsten gesehen haben. Das war etwa 1952/53. Ich war damals noch in der Ausbildung und bin mit einem Freund aus der Fotoklasse zu diesem Pferdeturnier gegangen. Und da kam immer wieder einer an und hat mich fotografiert. Das war der Fred. Es sind sehr schöne Bilder geworden. Und sein Chef ist am Abend fuchsteufelswild gewesen, weil der Fred einige Vergrösserungen von den Fotos gemacht hat.

Kannst Du Dich noch an Deine erste Aufnahme erinnern?

Wahrscheinlich war ich da auch noch in der Ausbildung – das war eine Fotografenlehre hier in Zürich. Und eines Tages hat mir mein Chef eine Kamera in die Hand gedrückt und mich zu einer Segelregatta geschickt. Ich durfte auf einem kleinen Boot – Pfupfer hat das geheissen – bei der Regattaleitung mitfahren und sollte Fotos machen. Das waren meine ersten Bilder, schwarz-weiss Aufnahmen, die wurden dann später bei meinem Chef im Geschäft verkauft. Vorher habe ich eigentlich nicht wirklich fotografiert. Mein Vater hatte zwar auch eine Kamera und es gab eine Freundin, die ich damit fotografiert habe, aber sonst … – ich kann mich an andere Bilder überhaupt nicht erinnern.

Ist es vorstellbar, dass Du nicht Fotografin geworden wärst?

Sicherlich – ich wollte ja nicht Fotografin werden, ich wollte eigentlich Modezeichnerin werden und später dann Goldschmiedin. Aber als Modezeichnerin hätte ich eine Schneiderlehre machen müssen – das hat mir nicht gepasst – und als Goldschmiedin habe ich keine Lehrstelle gefunden. Und dann habe ich in St. Gallen einen jungen Fotografen kennengelernt, der gerade mit seiner Ausbildung fertig war. Der hat mir von seiner Arbeit erzählt und als ich am Abend nach Hause kam, habe ich zu meinen Eltern gesagt: Also, ich werde jetzt Fotografin. Das war damals nicht üblich, es gab ja eigentlich keine Fotografinnen, die Frauen wurden in der Regel als Laborantinnen ausgebildet. Und mein erster Chef hat das auch genauso gehandhabt, nur habe ich das nicht gewusst. Ich wurde bei ihm als Fotografin angestellt, aber er hat meinen Lehrvertrag im Nachhinein einfach in Fotolaborantin umgeschrieben. Als ich das nach zwei Jahren durch die Berufsschule dann herausgefunden habe, war ich natürlich sauer. Ich bin dann weg und habe mir einen anderen Chef gesucht, einen richtigen Fotografen mit Atelier. Darum musste ich auch vier statt drei Jahre lernen und sogar noch Strafe zahlen, weil ich die Lehre bei dem ersten Chef abgebrochen habe.

Siehst Du als Fotografin Dinge, die andere nicht sehen?

Ja, sicher. Aber ich habe mich eigentlich nicht als Fotografin, sondern immer als Fotoreporterin gesehen. Schon in der Lehre wusste ich, dass ich später mal für Zeitungen arbeiten will, denn da ist man mit der Nase ja immer ganz vorn dabei. Und das hat mir natürlich gefallen, als Fotoreporterin kommt man einfach dicht ans Geschehen ran, man steht in der ersten Reihe und sieht dann natürlich auch Sachen, die andere nicht sehen können. Und man hört auch mehr, die Leute sind zu den Fotografen oft viel offener als zu den Journalisten. Zum Teil habe ich Sachen erfahren, die sie den Journalisten nie erzählt hätten, aus Angst, dass das dann geschrieben werden könnte.

Unterscheidest Du zwischen einem beruflichen und einem privaten Blick auf Menschen oder Landschaften?

Nein, der Blick ist im Grunde derselbe. Aber ich habe nur selten eine Kamera dabei – ich nehme sie eigentlich nur mit, wenn ich zum Fotografieren gehe. In dieser Beziehung trenne ich schon zwischen Arbeit und Privatleben, ich bin sonst auch zu faul zum Fotografieren.

Wie real ist Deine fotografierte Welt?

Sehr real. Ich habe das Bild immer in die Realität hineingestellt, auch bei den Modestrecken. Also wenn zum Beispiel – wie bei einer Reportage in Griechenland – gerade Wachen am Königspalast vorbeimarschierten, dann musste das Fotomodel eben mitmarschieren. Es war immer Bewegung in den Bildern oder ich habe zumindest versucht, Bewegung hineinzubringen. Ich hasse diesen ganzen steifen Mode- und Modelschmarren, ich wollte es immer so natürlich wie möglich haben. Lustigerweise macht das heute die Zeitschrift BRIGITTE wieder, die nimmt ja keine professionellen Fotomodelle mehr. Damals hatten wir gar keine Wahl – wir mussten das machen, weil wir kein Geld für Models hatten. Eine Zeitlang habe ich auch viel Kindermode fotografiert, für die Zeitschrift ANNABELLE zum Beispiel, da habe ich ganze Strecken mit Hunden und Katzen oder am See fotografiert und die Kinder einfach spielen lassen.

Wie schön ist Deine fotografierte Welt?

Ich fotografiere eher die schönen Seiten dieser Welt. Ich würde mich schämen, wenn ich – wie jetzt auf unserer Reise nach Indien für das Siddhartaprojekt – diese armen, verlotterten Leute fotografiert hätte. Das kann ich nicht, da hätte ich das Gefühl, ihnen noch die letzte Würde zu nehmen. Wir waren da ja von Elend umgeben, überall, wo wir fotografiert haben, mussten wir zuerst den Müll wegräumen. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie man damit umgeht, nach der ersten Indienreise habe ich noch gesagt: Da ist überhaupt kein Dreck, da sind keine armen Leute auf den Bildern – es sieht alles so gut aus. Aber ich kann das nicht, ich kann das Elend nicht fotografieren. Ich will es auch nicht. Und was die schönen Seiten der Welt anbelangt – da muss ich gar nichts inszenieren, schliesslich bin ich Realist, eine realistische Fotografin. Schön ist schön – man muss nur hinschauen. Damit geht sicherlich auch ein Optimismus einher. Ich mache halt das Beste aus einer Situation und würde immer sagen: das Glas ist halbvoll. Diese Haltung hat mir schon oft geholfen, damals in Sibirien zum Beispiel – der Fred hat ja zwei Bücher über Sibirien gemacht – da haben wir auch manchmal im Dreck gesessen und in den schlimmsten Hütten übernachtet, aber wenn man positiv an eine Situation rangeht, dann entdeckt man auch schöne Dinge. Zu den Kakerlaken habe ich damals gesagt: Ich bringe euch nicht um und ihr kommt nicht zu mir ins Bett. Ich habe mich also mit ihnen arrangiert und sie haben sich dran gehalten.

Träumst Du Fotos?

Nein. Ich träume eher wilde Sachen: Verfolgungsszenen, Gangsterjagden und so. Immer schon. Total verrücktes Zeug. Aber Fotos träume ich eigentlich nicht. Ich denke auch im Vorfeld nicht lange über ein Foto nach, sondern mache die Aufnahmen ganz spontan in der jeweiligen Situation. Dann geht es oder es geht eben nicht. Und wenn eine Idee nicht funktioniert, dann weg damit – da muss man halt was anderes machen. Bei der Bildauswahl später kann ich mich auch schnell entscheiden. Das geht wie der Blitz. Und wenn die Fotos dann gedruckt sind, werden die Filme weggeschmissen, ich habe nix aufgehoben, das hat mich nicht interessiert. Was soll’s auch. Das Machen ist das Tolle.

Welches Bild hättest Du gern (selbst) gemacht?

Das Bild, das ich gern gemacht hätte, das kennt fast jeder, das ist aus den 30er Jahren in New York. Es sind die elf Arbeiter, die da über Manhattan auf einem Stahlträger sitzen und Mittagspause machen (EBBETS, 1932). Ich finde, das ist eines der faszinierendsten Bilder, die es gibt. Das hätte ich gern selbst gemacht.

Gibt es Momente, in denen Du aufhörst zu fotografieren oder in denen Du nicht fotografieren könntest?

Schwer zu sagen. Wenn zum Beispiel ein Unfall passiert – ich glaube nicht, dass ich da Fotos machen würde. Der Fred ist genauso, der war ja im Vietnamkrieg, überall wurde geschossen, und statt Aufnahmen zu machen, hat er geholfen, die Leute da rauszuholen. Ich selbst kann mich an so einen konkreten Moment, in dem ich meine Kamera runtergenommen hätte, nicht erinnern. Ich habe sie ja auch meistens nicht dabei. Aber ich weiss, wenn ich irgendwo eine Leiche sehe, gehe ich sicher nicht hin und mache Porträts, das könnte ich nie im Leben. Ich finde, da muss man einen gewissen Abstand wahren, denn auch wenn du tot bist, hast du noch ein Anrecht auf eine Würde.

Du hast als Bildstrecke für nodalpunkt einige Reportagen zusammengestellt, die Du zwischen 1960 und 1985 für diverse Zeitschriften fotografiert hast. Wie verlief eigentlich Dein beruflicher Werdegang – als Fotografin in dieser Zeit?

Nach der Lehre habe ich zunächst drei Jahre lang bei der Keystone Press gearbeitet, das war meine erste Stelle. Und ich war auch die erste Frau dort, meine Kollegen waren alles Männer. Die haben damals Wetten abgeschlossen, wie lange es dauert, bis sie mich rausgeekelt haben. Aber ich hatte auch ein oder zwei Kollegen, die nett waren. Damals gab es noch keine Fotoreporterinnen in der Branche, zumindest keine, die angestellt waren, und daran hat sich meines Wissens auch bis in die 70er/80er Jahre hinein nicht viel geändert.
1956 habe ich dann den Fred geheiratet, da war ich 22, und wir haben uns selbständig gemacht. In der Zeit habe ich angefangen, für verschiedene Zeitschriften, also zum Beispiel für DIE FRAU oder die FEMINA zu arbeiten. Meistens habe ich Reportagen über Leute fotografiert oder Modestrecken gemacht. Als Frau konnte ich eigentlich nur für Frauenzeitschriften arbeiten, es war damals sehr schwer, an freiberufliche Aufträge ranzukommen und die Budgets waren eher klein. Ich erinnere mich an eine Reportage, da sind wir, eine Journalistin und ich, mit fünf Koffern voller Sachen nach Griechenland losgezogen und sollten dort Fotos machen. Aber wir hatten kein Geld für Models. Da musste halt die Journalistin modeln – und das für ganz feine Kleider – es war zum Schreien komisch. Wir waren damals die ersten, die die Reise- und Modefotografie zusammengebracht haben, das hat sonst keiner gemacht, das gab es noch nicht. Wir haben es einfach ausprobiert, wir haben die Mode vor der Akropolis fotografiert und später hat die Redaktion die Akropolis wieder rausgeschnitten, damit man das Kleid besser sieht… Was soll’s, da war die Akropolis halt wieder weg. Sonst habe ich auch Architektur fotografiert oder Reisereportagen gemacht. Als DIE FRAU von der ANNABELLE aufgekauft wurde, habe ich für die weitergearbeitet und dann auch für die FEMINA, das war eine tolle Zeit, dort konnte ich machen, was ich wollte. Ich hatte die Chefredakteurin kennengelernt, die für mich eine der besten Journalistinnen ist, Hedi Grubenmann heisst sie. Wenn ich zu ihr gesagt habe: Ich mache demnächst eine Reise nach Asien, hat sie gleich gefragt: Und, was fotografieren Sie da? Haben Sie Ideen? Und dann hat sie mir eine Art Einkaufszettel mitgegeben, auf dem stand alles drauf, was ich ihr mitbringen sollte. Aus Tokio und Bangkok jeweils Bilder vom Schweizer Botschafter, in Nepal sollte ich eine Schweizerin fotografieren, die dort ein Hotel für die Entwicklungshilfe führte, und in Thailand habe ich den Theo Meier besucht, das war ein Schweizer Kunstmaler. Und jedes Motiv ergab dann eine Reportage von sechs, sieben Seiten, früher hat man ja noch grössere Reportagen gezeigt. Ja, und dann habe ich auch für den SONNTAG gearbeitet – da waren wir ein Team, die Hedi Grubenmann und ich. Der SONNTAG war eigentlich eine katholische Familienzeitschrift, aber wenn wir eine gute Story hatten, konnten wir sie machen, die meisten Themen haben wir uns ausgedacht und vorgeschlagen. Manchmal haben sie uns auch zu einem Pfarrer geschickt oder so, aber das war dann meistens auch der Hit, denn diese Leute waren oft wirklich gut. Ich bin ja selbst katholisch aufgewachsen und habe eigentlich gar nichts mehr darauf gehalten. Aber durch die Zeitschrift habe ich viele tolle Leute kennengelernt. Und eine meiner schönsten Reportagen war ein Ballonflug vom Berner Oberland aus über die Alpen – das war ein Highlight. Wir haben damals viel in der Schweiz oder in Liechtenstein gearbeitet, also im Umkreis. Beim Fürsten von Liechtenstein hiess es dann immer: Die Sonntagsweiber kommen!
Und so ungefähr ab 40 bin ich dann mit dem Fred zusammen um die Welt gezogen. Unsere Tochter wurde damals 18 Jahre alt, da ging das. Meine Eltern wohnten auch im Haus, sie hatte sowohl bei uns oben als auch unten ein Zimmer. Das war natürlich auch schon vorher ein Glück, ich konnte immer arbeiten, das war kein Problem. Aber meistens war ich ja nur für ein oder zwei Tage unterwegs und dann wieder zu Hause. Und als sie dann achtzehn wurde, habe ich zum Fred gesagt: So, das macht jetzt eigentlich keinen Sinn mehr, ich sitze hier in Zürich und du sitzt ständig irgendwo in der Welt herum, also wenn es geht, dann ziehen wir ab jetzt zusammen los. Und das haben wir dann auch gemacht.

Kleines PS:

Ich habe gehört, Du hast auch eine Rennfahrerlizenz…
Ilse Mayer: Ja, die habe ich 1959 gemacht, in Paris – wir hatten ja hier in der Schweiz keine Rennstrecke mehr. Es gab bei uns im Haus einen Fotografen, der hatte so eine Lizenz, und da habe ich gedacht: was der kann, das kann ich auch. Schliesslich habe ich mich immer schon für Autos interessiert, das ist auch heute noch so. Erst hatten wir einen Fiat 600, einen Zweitürer, und danach einen Alfa Romeo, eine Giulietta, das ist ein bildschönes Auto.

Bist Du auch Rennen gefahren?
Ilse Mayer: Ja, aber nicht viele, wir hatten doch kein Geld damals – und so ein Rennen hat jedes Mal fast 100 Franken gekostet. Ein paar Flughafenrennen und ein paar Bergrennen habe ich mitgemacht und dann war es wieder vorbei. Willst du ein paar Bilder sehen?

Aber ja… sehr gern…
Ilse Mayer: Ich habe dem Fred nämlich mal unser ganzes Leben zusammengestellt, aber nur in Kurzform.

Fred Mayer: Es ist ja eher ungewöhnlich, dass Fotografen so ein eingeklebtes Familienalbum haben.

Ilse Mayer: Stimmt, die meisten haben das nicht. Das ist übrigens das Foto, das der Fred von mir gemacht hat. An Pfingsten, 1952.

Fred Mayer: Sie sieht gut aus, nicht? Auch heute noch.

Ilse Mayer: Danke. Danke. Und da haben wir geheiratet. Es gibt keine richtigen Hochzeitsfotos, weil der Fotograf nicht gekommen ist. Und das ist die Tour de Swiss, da habe ich mich als Mann verkleidet, weil Frauen ja nicht mitfahren durften. Aber dann hat mich einer meiner Kollegen verpfiffen. Sonst hätte ich auf einem Motorrad oder mit einem Serviceauto mitfahren können. Das ist unser Windhund, wir haben auch Windhundrennen mitgemacht. Und das ist ein Presseball. Schau mal – die Frisuren! Grauenhaft! Und hier ist unsere Tochter. Und da – der Fred auf einem Pony…

Fred Mayer: Du sag mal, willst du eigentlich das ganze Leben zeigen?

Peggy Mädler: Ich hoffe: ja!

Ilse Mayer: Na, wenn sie es sehen will…

Ilse Mayer

1934 in Zürich geboren. Nach der Schule absolvierte sie eine Photographenlehre bei Paul Scheidegger in Zürich. Nach der Lehre photographiert sie als erste festangestellte Pressephotographin für die Keystone Press. Später arbeitete sie als frelancer für verschiedene Familien und Frauenzeitschriften. 1956 heiratet sie den Pressephotographen Fred Mayer. 1957 wird ihre Tochter Sibyll geboren. Ilse und Fred Mayer veröffentlichen gemeinsam mehr als 30 Bildbände.

Peggy Mädler

Peggy Mädler, 1976 in Dresden geboren, hat in Berlin Theater-, Erziehungs- und Kulturwissenschaft studiert und 2008 in den Kulturwissenschaften auch promoviert. Sie arbeitet als freie Dramaturgin und Autorin und ist Mitbegründerin der Künstlerformation Labor für kontrafaktisches Denken. Von 2007 bis 2009 gehörte sie dem Gründungsvorstand des LAFT Berlin an, und sie wirkte beim Theaterkollektiv She She Pop mit. 2011 erschien im Verlag Galiani ihr erster Roman: »Legende vom Glück des Menschen« (Quelle: Galiani Berlin).